Zucht-Thesen von Sigurður Haraldsson

Wer zielgerichtet züchten will, muss alle seine Zuchtpferde persönlich kennen –

in den äußerlichen Merkmalen ebenso wie im Charakter.

Dafür braucht es viel Zeit zum Beobachten.

(http://www.ferien-island.de/download/2014_6_162_DIP_Seiten_70_73_Zuchtlinien_5_Kirkjubaer.pdf)

 

Ich bin ein Freund der Kirkjubæ-Pferde, die ich als freundlich-aufgeschlossene, feine und intelligente Reitpferde schätzen gelernt habe. Kirkjubæ-Pferde verbindet man häufig mit schönen, rittigen, lang- linigen Füchsen. Auch bei mir finden (oder fanden) sich solch schöne Füchse, so z.B. mein ehemaliger Hengst (ein großartiger Tigull-fra-Gygjarholi-Sohn), der all das Genannte wunderbar vereint und an seine Nachkommen weitergegeben hat. Auch meine Stuten habe ich so ausgewählt, wobei diese selbst unter-schiedlich viel Kirkjubæ- Blut führen. Und auch wenn ich das herrlich glänzende Fell eines Fuchses im Sonnenlicht wunderschön finde: die Stuten können das Windfarb-, das Creme- und das Falbgen weiter-geben.

 

Ich bevorzuge den lockeren, einfach zu reitenden Tölt guter Fünfgangpferde mit klarer Gangtren- nung und so richte ich meine kleine Zucht auf diese Pferde aus. Ich freue mich sehr an einem Pferd mit guten Bewegungen und hoher Knieaktion, letztere habe ich aber nicht in ihrer extremsten Form als Zuchtziel.* Für mich sind Geschmeidigkeit und Fluss in der Bewegung zentrale Kategorien, zu denen auch die Harmonie zwischen Vor- und Hinterhand gehört. Also vielleicht weniger zackige Marschmusik als vielmehr ein Violinkonzert nach Bach :-)

Kein Wunsch nach artifiziellen (Ballett-)Tänzern, ...

... noch  nach gebrochenen Schaufelrad-dampfern.


Aber ein Traum:


Natürlich achte ich auf die Vorfahren meiner Pferde, denn es ist mir vollkommen bewusst, dass hier eine Vererbgungswahrscheinlichkeit - festgehalten im BLUP-Wert - besteht. Aber mir ist ebenso bewusst, dass es sich eben nur um eine Wahrscheinlichkeit handelt, sodass für mich die Anlage des Pferdes, seine Eigenleistung weiter im Vordergrund steht. Und diese kann, muss aber natürlich nicht in einer FIZO-Prüfung bestehen. Ein Muss ist aber, dass ich das Gesamtpaket aus Charakter, Gang und Aussehen als gut erfahren kann - beim jungen Pferd im täglichen Umgang, dann beim An- und Einreiten und natürlich auf dem ganzen weiteren Weg. (Falls ein großer Verbandsfreund dieses liest: Seien Sie mir nicht gram. Doch mein Eindruck ist, dass sich das Islandpferdewesen beinahe schon zu einer Geldrequirierungsma-schine entwickelt und bestimmte Dinge - eben wie eine FIZO oder die diskutierten Gütesiegel - den Sta-tus einer heiligen Kuh oder eher noch eines goldenen Kalbes erlangt haben. Aber es gibt natürlich auch gute Gründe für eine FIZO. So gibt es z.B. Züchter, die selbst nicht reiten bzw. ihre Pferde nicht reiten - hier z.B. bietet eine FIZO solchen Züchtern sicher eine zusätzliche interessante Informationsmöglich-keit.) (Zu diesem Bereich aktualisierte Informationen unter "Zuchtprüfungen?")

 

Und noch ein Gedanke hat sich für mich entwickelt: Es gibt eigentlich drei Arten von Gangpferden: immer sparsame Läufer - sparsame Läufer, die aber dazu angehalten werden können, einen ausdrucks-vollen Gang zu zeigen - und Dauerakrobaten. Und ich entschuldige mich schon für die suggestive Wort-wahl, denn es wird an meinen Formulierungen schon deutlich, was ich präferiere: den klugen Läufer, der aber doch mit dem Reiter bereit ist zu tanzen und dazu auch die Möglichkeit besitzt. Denn natürlich fin-de auch ich einen ausdrucksvollen Gang schön. Aber diese Momente des Spitzensports sind unökono-misch und auf die Spitze getrieben auch aufreibend für das Pferd. Aber so, wie sich ein Pferd durchaus aus lauter Lebenslust oder um zu beeindrucken angeberisch präsentiert, so freue ich mich natürlich auch, solche besondere Schönheit sehen oder auch reiterlich erleben zu dürfen. Also versuche ich genau solche Pferde zu züchten, die im Alltag ökonomisch laufen, aber „wenn es drauf ankommt“ auch eine starke Präsenz und Präsentation zeigen können. Ich möchte ein Pferd, mit dem ich stunden-lang durch das Gelände reiten kann – und wie sinnlos wäre das im Präsentationsmarschschritt, die Fuß-spitzen auf Kopfhöhe geschleudert (ok, ich neige wieder einmal zur Übertreibung) – und ich möchte ein Pferd, das bei Gelegenheit auch durch durchaus imponierenden Gang zu gefallen und zu beeindrucken weiß. Daher ist für mich persönlich z.B.  die zu Zeiten sehr angesagte Linie von Álfadís frá Selfossi auch weniger interessant - obwohl es natürlich großartige Showpferde sind, die so oft diese gewaltigen Bewe-gungsmöglichkeiten als Dauergabe erhalten haben. (Wie allen anderen gefällt mir aber natürlich trotzdem Spuni frá Vesturkoti, ein Álfastein-Sohn, über alle Maßen. Er hat diese fließenden Bewegungen, die so herrlich harmonisch daherkommen. Und ich warte sehr auf einen Spuni-Sohn in Deutschland, der vielleicht annähernd in Vaters Fußstapfen tritt.)

 

 

Detailbeschreibung der Notenzuordnung: S. 106ff.:

Hilfreich für die Einzelmaße ist S. 105 f.:


 

Ich möchte umgängliche Pferde züchten, die die Nähe zum Menschen genießen, und so habe ich meine Stuten und meinen Hengst ausgewählt. Lieber höre ich ein geschmunzeltes "Weiberpferd" über meinen Hengst, als dass ich z.B. auf der Wiese hinter einem meiner Pferde herrennen müsste.

 

Im Ganzen möchte ich aber auch dieses starke Islandpferd im Aussehen und im Charakter, das auch einem Orkan standhaft trotzen kann, einen "Elchtest" überstehen würde ...  ;-). Gut ich übertreibe auch hier, aber nur um deutlich zu sagen, was ich mir wünsche. Das Großartige dieser Pferde ist neben der Freundlichkeit. möglichen Sanftheit und dem sozialen Wesen auch ihr Stolz, ihre Härte, Stärke und Eigenständigkeit und dass sie all das dem Menschen anbieten.

 

Beim Aussehen vollführe ich gerade eine – sagen wir – 75°-Wende. Meine erste Stute Blesa stand schon in dem eleganten Typ, der heute modern ist: elegant mit schön aufgesetztem recht langen Hals und langen Beinen. dieser Typ hat meine kleine Zucht geprägt. Aber nun möchte ich wieder ein Stück zurück. Die Isländer werden mir oft zu elegant, wirken zu sehr wie Reitponys. Ich weiß noch nicht genau, wie ich die Waage finde, aber hier bin ich dran.

(Einschub September 2019: Ich habe nun viele - und z.T. sehr schöne und sehr gut geprüfte - Isländer  gesehen, die eher 1,45 + und kräftig waren. Und ich muss sagen: Dorthin will ich auch nicht. Für Kinder, Jugendliche und für leichte Erwachsene ist das eine Masse Pferd. Das Schöne am Isländer war eben auch mal seine Größe im Kontrast zum Großpferd. Und nun möchten viele das isländische Großpferd. Ich möchte es nicht. Nein, ich denke auch, dass kein großer schwerer Mann auf ein 1,30 Islandpony zu sitzen kommen sollte. Das ist klar. Aber ich halte es für nicht notwendig, dass man mit schlanken 1,70 glaubt, dass man für ein 1,38 Pferd zu schwer sei. Ein bisschen scheint es wie früher bei den Kindern: "Du bist aber klein!" Ein bisschen scheint es ein Wettbewerb geworden zu sein, wer den größeren ... Fisch am Angelhaken hat oder eben wer das größere Pferd hat. (Und nur ein Nebengedanke: Nicht wenige Isländer haben 50 kg und manche mehr auf den Rippen zu viel: die tragen sie 24 Stunden am Tag und jeden Tag im Jahr mit sich herum ;-)

Auch auf Details bezogen folge ich nicht an allen Stellen den Leitgedanken der Dachorganisation: Ich bin kein Freund dieser langen dünnen Hälse, die unter dem Sattel durchaus elegant aussehen, auf der Wiese aber oft kein harmonisches Bild ergeben, wenn der lange dünne Hebel mit dem Kopfgewicht als Ab-schluss in Entspannungshaltung keine Einheit mehr mit dem massigen Körper bildet. Ich habe auch nicht die Erfahrung gemacht, dass ein dünner Hals von Vorteil wäre. Im Gegenteil, es ist ein langer Hebel mit Kopfgewicht am Ende. Das sagt einem schon die Physik, dass das beim Pferd (anders als bei der da-für ausgerüsteten Giraffe mit verhältnismäßig kleinem Kopf und besonderem Nackenband) unergono-misch ist. Das heißt nicht, dass der Hals zu dick sein sollte, das passt auch wieder nicht. Aber schön an-gesetzt, selbst getragen, geschmeidig - und nicht zu dünn. Ganz daneben liege ich ja auch damit nicht, wenn man sich die Ideen für die Fizo von morgen anschaut: „Hals, Widerrist und Schultern: • es wird mehr Gewicht auf die Form des Halses und  • etwas weniger auf Länge und Feinheit" gelegt (Quelle aufgerufen April 2019: https://www.ipzv.de/newsdetail-zucht/praesentation-von-thorvaldur-kristjansson-die-entwicklung-des-zuchtziels.html) Und auch in der Frage der Gewichtung von Rücken und Beinstel-lung sehe ich andere Werte als die FIZO-Richtlinien. Denn beides ist definitiv wesentlich für ein gesundes Pferdeleben.

 

Meine Stuten und der Hengst sind frei von Allergien, wie Ekzem oder Heustauballergie. Sie sind ge-sund und robust. Tilfinning hat als einziges Pferd eine Auffälligkeit: nämlich ein hörbares Klicken in der linken Schulter, was aber tierärztlich untersucht und zur Sicherheit sogar wiederholt geröngt wurde (zu-letzt 2020 in der Klinik): und dabei wurden keine Veränderungen oder sonstige gesundheitsbeeinträch-tigenden Befunde erkannt. 

Weiterführung März 2020 Ah – im Gespräch mit einer Freundin ist mir noch etwas aufgefallen: An keiner Stelle habe ich ein weiteres Zuchtziel formuliert: die Herdenverträglichkeit.

 

Ich achte sehr auf die Herdenverträglichkeit meiner Zuchttiere. Hier ist durch die Zuchtauswahl allerdings nur ein Grundstein zu legen. Hier spielt die dann folgende Sozialisation im Leben eines Pferdes einfach eine immens große Rolle. Da ich auf eine ruhige Atmosphäre in meinen kleinen Gruppen achte – und auch danach Entscheidungen getroffen habe, hoffe ich, dass die Entwicklung positiv unterstütz wird.

 

Ein solches friedliches Pferdewesen ist für die Tiere selbst schön – aber wenn ich beim Kaffee aus Neugier durch das Internet stöbere, dann sehe ich bei Kaufgesuchen auch beim Menschen häufig den Wunsch, dass das Pferd „herdenverträglich“ sein soll – oder auch nicht zu dominant. Und mit dem letzten ist wohl 'nicht zu garstig' gemeint, denn es gibt sehr dominante Lebewesen, die nur durch ihre Präsenz dominant sind, dabei aber gutmütig und freundlich, wenn die „Grenzen des guten Benehmens“ auch von allen anderen gewahrt werden. Sie müssen dabei häufig nicht handgreiflich werden, ein kleiner Schritt, ein kleines Drehen des Körpers oder des Halses offenbaren den anderen den Mut, die Entschlossenheit und Stärke. Also Dominanz, die andere Pferde gerne und willig akzeptieren, wenn sie “vernünftig“ sind ;-)

(Und ob in Eigenhaltung oder in Pension - jeder kennt es aus eigener Erfahrung oder aus der Beobachtung, was ein 'Unruhestifter' bedeuten kann.)

 

* Ich züchte mit Pferden, die die Größen des Islandpferdesports im Stammbaum haben, die aber auch gemischt sind mit schönen und guten und robusten Pferden aus einfachen sogenannten Bauernzuchten. Und eh ich dem Gangtrend nach noch immer höheren und weiteren Bewegungen folge, würde ich eher aufhören zu züchten. Ich habe sehr gute Pferde mit wundervollen Bewegungsmöglichkeiten. Mehr will ich nicht. Ich liebe und züchte Islandpferde, keine Tennessee Walker.